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Schleichende Militarisierung
Beobachtungen zur Veränderung der Zivilgesellschaft
Margot Käßmann
15.11.2024
Seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine
am 24. Februar 2022 hat sich unsere Gesellschaft spürbar verändert.
Es gibt verschiedene Anzeichen für eine schleichende Militarisierung.
Bundeswehr und Zivilgesellschaft
Zur schleichenden Militarisierung gehört die Rolle der Bundeswehr in
der Zivilgesellschaft. Die Zahl der rekrutierten Minderjährigen
steigt. Verteidigungsminister Pistorius wirbt für „Schnupperpraktika“
und fordert den ungehinderten Zugang von Jungoffizieren zu Schulen, um
Jugendlichen den Dienst in der Bundeswehr schmackhaft zu machen.
Ein neues Gesetz in Bayern verpflichtet Schulen und Hochschulen
künftig sogar zur Zusammenarbeit mit der Bundeswehr. In der
Gesetzesbegründung heißt es, „Aufgabe des Staates“ sei es, „unsere
Gesellschaft auf die grundlegend veränderte sicherheitspolitische Lage
vorzubereiten“, die sich auf nahezu alle Lebensbereiche auswirke.
Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger sagt, die Schulen sollten
ein „unverkrampftes Verhältnis zur Bundeswehr“ entwickeln. Zudem
plädiert sie für Zivilschutzübungen an Schulen, um auf Krisen wie
Pandemien, Naturkatastrophen oder Kriege vorbereitet zu sein. Die
Debatte um die Wiedereinführung der Wehrpflicht ist in dieser Logik
nur folgerichtig. Es ist Aufgabe der Zivilgesellschaft, diese Logik zu
hinterfragen.
Denn das Militär ist nicht die „Schule der Nation“. In seiner
Antrittsrede als Bundespräsident sagte Gustav Heinemann am 1. Juli
1969: „Nicht der Krieg ist der Ernstfall, in dem der Mann sich zu
bewähren habe, wie meine Generation in der kaiserlichen Zeit auf den
Schulbänken unterwiesen wurde, sondern heute ist der Frieden der
Ernstfall.“
In diesem Sinne wäre eine Bildungspolitik sinnvoll, die
Friedenserziehung, Mediation und gewaltfreie Konfliktbewältigung in
den Lehrplänen verankert. Der Journalist Heribert Prantl hat kürzlich
darauf hingewiesen, dass in vielen Landesverfassungen gefordert wird,
die Jugend zur Friedensgesinnung zu erziehen. Zur Auflösung der
Fußnote[1]
Im Editorial der „Zeitschrift für innere Führung“ schreibt Oberst
Harald Lamatsch: „Kriegstüchtig werde ich nur innerhalb einer
Gesellschaft, die mir das notwendige Rüstzeug und die Unterstützung
gibt, um in der von Tod und Gewalt geprägten Auseinandersetzung zu
gewinnen.“
Das bedeutet: Die gesamte Gesellschaft muss die Armee voll
unterstützen, hinter ihr stehen. Kriegsdienstverweigerung, Skepsis,
Drängen auf beispielsweise Soziale Verteidigung werden in der
Konsequenz als Infragestellung der Kriegstauglichkeit gewertet. Ein
Beitrag des CDU-Politikers Roderich Kiesewetter im selben Heft
bestätigt dies. Kiesewetter schreibt: „Die Zeitenwende ist somit nicht
nur bei der Bundeswehr, sondern auch bei der zivilen Verteidigung
erforderlich:
Deutschland braucht einen Operationsplan (OPLAN) für eine
Gesamtverteidigung, der Sicherheit integriert betrachtet.“ Und weiter:
„Zuletzt kommt es auch hier auf Kommunikation gegenüber der
Bevölkerung und trainierte Erfahrung an. Große deutschlandweite
Übungen wären wichtig, genauso wie die individuelle Sensibilisierung
beispielsweis in der Schule.“ Zur Auflösung der Fußnote[2]
Und siehe da, der „Operationsplan Deutschland“ liegt vor und wird
ständig aktualisiert. Generalleutnant André Bodemann erklärte
gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Deutschland und die
Bundeswehr müssten sich darauf einstellen, „auf die aktuellen
Bedrohungen und die territoriale Verteidigung in Frieden, Krise und
auch Krieg zu reagieren.“
Zur Auflösung der Fußnote[3] Das aber könne die Bundeswehr nicht
alleine leisten. „Deswegen brauchen wir die Unterstützung der zivilen
Seite.“ Es könne beispielsweise passieren, „dass sich etwa eine
US-Division durch Deutschland in Richtung Osten bewegt, Tausende
Fahrzeuge, Tausende Soldaten. Dann müssen die verpflegt werden.“ Sein
Plan sei bei den Bundesländern, den Bundesressorts vom Roten Kreuz bis
zur Polizei sehr positiv aufgenommen worden, erklärt Bodemann. Diese
Pläne sind in der öffentlichen Wahrnehmung bisher kaum präsent, das
sollte sich ändern.
Dazu passt die Entscheidung des Bundestages vom 25. April 2024, den
15. Juni als nationalen Veteranentag „für Respekt, Anerkennung und
Würdigung unserer Soldatinnen und Soldaten“ ins Leben zu rufen, um die
Sichtbarkeit der Soldatinnen und Soldaten in der Öffentlichkeit zu erhöhen.
Auch der Begriff „Veteran“ war im Deutschen lange Zeit ungebräuchlich.
Aus gutem Grund wurde der Heldengedenktag nach 1945 zum
Volkstrauertag, es sollte fortan um alle Opfer der Kriege gehen. Warum
nicht ein Würdigungstag für alle, die sich für unser Land einsetzen
und Respekt und Anerkennung verdienen, für Lehrerinnen und Lehrer,
Pflegekräfte, Polizeibeamte, Ehrenamtliche?
In dieses Bild fügt sich, dass 2024 versucht wurde, frühere
Wehrmachtsoffiziere gemäß dem Traditionserlass der Bundeswehr von 2018
zu Vorbildern für die Bundeswehr zu erklären. Nach einem Artikel in
der „taz“ unter der Überschrift „Mehr Wehrmacht wagen“ und den darauf
folgenden kritischen Stimmen wurde das Vorhaben abgebrochen. Zur
Auflösung der Fußnote[4] Das wäre eine noch breitere öffentliche
Debatte wert: Wer sind die Vorbilder, wer ist in unserer Gesellschaft
zu würdigen?
Ein letzter Aspekt, der zu den viel beschworenen europäischen Werten
gehört: Kriegsdienstverweigerung ist ein Menschenrecht. Aber junge
Männer aus Russland, die den Kriegsdienst verweigern wollen, erhalten
in Deutschland kein Asyl. In der Ukraine dürfen Männer zwischen 18 und
60 Jahren das Land nicht verlassen.
Dennoch haben allein in Deutschland 256.000 von ihnen Zuflucht
gesucht. Zur Auflösung der Fußnote[5] Nun bangen sie um ihr
Bleiberecht. Die Entscheidung eines Menschen, Soldat zu werden, ist zu
respektieren. Die Verweigerung dieses Dienstes aber auch.
In den Jahren, in denen ich Präsidentin der Zentralstelle für Recht und
Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen war, habe ich
es immer als befremdlich empfunden, dass in Deutschland das Gewissen
der Kriegsdienstverweigerer amtlich geprüft wird, nicht aber das
Gewissen derer, die Kriegsdienst leisten. Darin kommt eine
Grundhaltung zum Ausdruck, die hinterfragt werden sollte.
Aufrüstung
Mit der Militarisierung der Sprache und der Zivilgesellschaft geht
eine beispiellose Aufrüstung einher, von der vor allem die
Rüstungsindustrie profitiert, deren Aktien Rekordwerte erreichen.
Allein der Wert der Rheinmetall-Aktie ist seit Februar 2022 von 96
Euro auf zwischenzeitlich 560 Euro gestiegen.
Die Prognosen sind hervorragend, sagen Analysten und stufen die Aktie
als „attraktiv“ ein. Die Aktionäre verdienen an den Kriegen der Welt,
und wenn die Flüchtlinge aus diesen Kriegen zu uns kommen, werden sie
oft abgewiesen. Der Bundeskanzler selbst war beim Spatenstich für eine
neue Rüstungsfabrik in Unterlüß dabei. Jetzt heißt es sogar, die
Rüstungsindustrie müsse staatlich gefördert werden.
Die weltweiten Rüstungsausgaben sind mit 2,2 Billionen US-Dollar auf
einem neuen Rekordniveau. Und: Mit „Steadfast Defender 2024“ fand in
diesem Jahr das größte Nato-Manöver seit dem Ende des Kalten Krieges
statt. 90.000 Soldatinnen und Soldaten aus 32 Ländern nahmen daran
teil. Das erklärte Ziel: Abschreckung.
Mehr noch: Ohne öffentliche Debatte, auch ohne vorhergehende Debatte
im Deutschen Bundestag, haben Deutschland und die USA am Rande des
Nato-Gipfels im Juli 2024 verkündet, dass die USA ab 2026 wieder
landgestützte Raketen in Deutschland stationieren werden.
Mit diesen US-Langstreckensystemen soll eine „Fähigkeitslücke“ geschlossen
werden. Irritierend ist nicht nur die fehlende parlamentarische
Debatte darüber, sondern auch die Tatsache, dass anders als beim
Nato-Doppelbeschluss von 1979 mit der Stationierungsentscheidung kein
Verhandlungsangebot an Russland einherging. So entwickelt man nicht
Rüstungskontrolle, sondern Rüstungswettlauf.
Mit nuklear bestückbaren Marschflugkörpern und Hyperschallwaffen, die
eine Reichweite von bis zu 2500 Kilometern haben, kann Moskau erreicht
werden. Und Deutschland könnte, wie in den 1980er Jahren, zum Zentrum
einer Systemauseinandersetzung werden. Der ehemalige Außenminister
Sigmar Gabriel sagte, für die Deutschen stelle sich hier eine
besonders heikle Frage:
„Die Stationierung solcher Waffensysteme hat ja immer das Ziel, dass
sie nie eingesetzt werden, weil die gegnerische Macht weiß, dass es am
Ende nur Verlierer gibt.“ Das Problem aller nuklearen Strategien in
Europa sei aber, „dass für den Fall, dass es trotzdem einmal zum
Einsatz solcher Waffen kommen könnte, Zentraleuropa und damit
Deutschland immer das Schlachtfeld wäre, auf dem ein solcher
Schlagabtausch ausgetragen würde“. Zur Auflösung der Fußnote[6]
Eigentlich wollte die jetzige Bundesregierung die Waffen- und
Rüstungsexporte reduzieren und ein Kontrollgesetz auf den Weg bringen.
Stattdessen waren 2022 wie schon 2021 die Rüstungsexporte mit einem
Wert von fast zehn Milliarden Euro so hoch wie nie zuvor in der
Geschichte der Bundesrepublik. Noch im Bundestagswahlkampf 2021 hatte
die Partei Bündnis90/Die Grünen plakatiert, was bis dahin Konsens
gewesen war:
„Keine Waffen in Krisen- und Kriegsgebiete“. Dass ausgerechnet diese
Partei, die aus der Friedensbewegung hervorgegangen ist – genannt
seien Pazifistinnen der Gründergeneration wie Petra Kelly oder Antje
Vollmer –, sich vehement für Waffenlieferungen einsetzt, ist höchst
irritierend. Keine Rede mehr von Abrüstung, nur noch von
Waffensystemen und Militärstrategien. Keine Rede auch davon, dass
gerade Krieg massive Umweltschäden verursacht und die Klimakatastrophe
vorantreibt. Hier hat sich der Diskurs in eine völlig andere Richtung
gedreht – eine Entwicklung, die eine intensive innerparteiliche
Debatte wert wäre.
Geschichtslektionen
In öffentlichen Debatten wird immer wieder behauptet, Deutschland sei
mit seiner skeptischen Haltung gegenüber militärischer Aufrüstung naiv
gewesen. Diese Haltung erklärt sich aber aus zwei Weltkriegen, die
Deutschland zu verantworten hat. Wer einmal das Beinhaus von Douaumont
besucht hat, in dem die Knochen von 130.000 jungen Männern liegen, die
auf den Schlachtfeldern von Verdun gestorben sind, sieht den ganzen
Irrsinn des Krieges. Sie mussten darum kämpfen, ob das Stückchen Land
zu Frankreich oder zu Deutschland gehört. Mit Blick auf ihre Gebeine
ist das völlig irrelevant.
Und das Unbehagen großer Teile der Bevölkerung gegenüber
Waffenlieferungen in die Ukraine rührt doch daher, dass zu Beginn des
Zweiten Weltkrieges vor 85 Jahren deutsche Panzer nach Osten rollten,
erst nach Polen, dann in die Sowjetunion. Es ist fatal, dass sich die
Ablehnung von Waffenlieferungen durch die Mehrheit der Bevölkerung
sich in der Politik der demokratischen Parteien nicht ausreichend
widerspiegelt. Zur Auflösung der Fußnote[7] Das Thema „Frieden“ darf
nicht den Populisten überlassen werden.
Zur Geschichte gehört auch, dass all die Waffengänge der vergangenen
Jahrzehnte keinen Frieden gebracht haben. Der Einmarsch der „Koalition
der Willigen“ in den Irak 2003 – ebenso völkerrechtswidrig wie der
Angriff Russlands auf die Ukraine – führte zum Sturz des Diktators
Saddam Hussein. Ziel war es, eine demokratische Führung zu
installieren. UN-Waffeninspekteure suchten vergeblich nach den
angeblich vorhandenen Massenvernichtungswaffen. Als die US-Truppen
2011 abzogen, gab es nach offiziellen Schätzungen mehr als 100.000
Tote, andere Schätzungen gehen von bis zu 500.000 Toten aus.
„Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch
verteidigt“ – so begründete der damalige Verteidigungsminister Peter
Struck 2002 die Beteiligung der Bundeswehr am Krieg in Afghanistan.
„Enduring Freedom“ (Andauernde Freiheit) hieß die Operation, die –
dieses Mal mit Zustimmung des UN-Sicherheitsrates – als Reaktion auf
die Terroranschläge vom 11. September 2001 eingeleitet wurde.
Der Einsatz endete 2021 auf dramatische Weise mit einem fluchtartigen
Abzug. Die Bilanz: 240.000 Tote und 5,5 Millionen Menschen auf der
Flucht. Zur Auflösung der Fußnote[8] Heute herrschen in Afghanistan
wieder die Taliban. Frauen dürfen sich nicht mehr frei bewegen, kaum
noch zur Schule gehen, nicht mehr in der Öffentlichkeit singen oder
laut sprechen. Das Land ist am Ende.
Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann hat treffend gesagt: „Die
Geschichte lehrt unaufhörlich, aber sie findet keine Schüler.“ Das
scheint auch heute zu gelten. Doch die Frage, ob Auslandseinsätze der
Bundeswehr überhaupt vom Grundgesetz gedeckt sind, wie weit der
Auftrag zur „Landesverteidigung“ interpretiert werden darf, ist immer
wieder neu zu diskutieren.
Medien
Seit Februar 2022 wird die Friedensbewegung medial massiv
diskreditiert. Von „selbsternannten Friedensfreunden“ ist die Rede.
Die zum Teil wüsten Beschimpfungen gehen einher mit der Unterstellung,
dass alle, die sich für Frieden einsetzen oder sich als Pazifistinnen
und Pazifisten bezeichnen, nicht begreifen, dass Wladimir Putin ein
Kriegsverbrecher ist und den Krieg gegen die Ukraine begonnen hat.
Eine kontroverse Debatte über die Rolle Deutschlands, eine
Infragestellung der Waffenlieferungen ist nicht möglich, ohne als
„dumm“ oder „naiv“ beschimpft zu werden. Wer versucht, die
Vorgeschichte des Krieges in der Ukraine zu beleuchten, etwa die
Nato-Osterweiterung nach 1990 zu hinterfragen, dem wird unterstellt,
zu leugnen, dass Russland die Ukraine völkerrechtswidrig angegriffen
hat. So wird der demokratische Diskurs unterbunden.
Der Philosoph Richard David Precht und der Sozialpsychologe Harald
Welzer haben in ihrem Buch „Die vierte Gewalt“ ausführlich
beschrieben, wie sehr öffentliche und veröffentlichte Meinung nicht
zuletzt seit Beginn des Krieges in der Ukraine auseinanderklaffen. Sie
beklagen, wie wenig sich die mehrheitlich kritische Haltung der
Öffentlichkeit gegenüber Waffenlieferungen in den Leitmedien
widerspiegelt:
„Wenn, wie beim Ukrainekrieg, (sogar) sämtliche Leitmedien die gleiche
weltanschaulich-ethische Haltung einnehmen und fast alle
Waffenlieferungen und einer eskalierenden Konfrontation mit dem
Aggressor Russland das Wort reden, geschieht eine kollektive
Pluralitätsverengung.“ Zur Auflösung der Fußnote[9]
Auch abseits von Talkshows gibt es zahlreiche Beispiele für eine
schleichende Militarisierung in den Medien: So waren etwa im
„Aktuellen Sportstudio“ (ZDF) vom 9. September 2023 Prinz Harry und
Verteidigungsminister Boris Pistorius zu Gast. Es wurde über die
Invictus Games berichtet, die in jenem Jahr in Deutschland
stattfanden. Kriegsversehrte werden durch Sport wieder in die
Gesellschaft integriert.
Zwei versehrte Athleten werden vorgestellt. Der eine leidet an einer
posttraumatischen Belastungsstörung, der andere hat im
Afghanistankrieg beide Beine verloren. Die Ursache für diese
Behinderungen, der Krieg, wird in der ganzen Sendung jedoch kein
einziges Mal erwähnt. Der Kommentator sagt: „Um Ruhm und Ehre geht es
nicht, davon ist unter den Teilnehmenden schon genug vorhanden!“ Der
Verteidigungsminister lobt die Veteranen, die „für unser Land gekämpft
haben“. Sie seien „Rolemodels“. Und dann wird berichtet, dass die
Invictus Games von der Rüstungsindustrie gesponsert werden.
Jana Stegemann kommentierte die Sendung für die „Süddeutsche Zeitung“:
„Nach 45 Minuten stellt die Moderatorin die erste kritische Frage an
Boris Pistorius, den zurzeit in Deutschland beliebtesten Politiker. Ob
er verstehen könne, dass Kritiker in den vom Rüstungskonzern Boeing
gesponserten Invictus Games eine Heroisierung von Krieg und Militär
sähen? Der Verteidigungsminister verneint: Es gehe darum, Solidarität
und Respekt für die Einsatzkräfte zu zeigen.“ Zur Auflösung der
Fußnote[10]
Ein weiteres Beispiel: Das ZDF hat für seinen Youtube-Kanal, der sich
an Kinder und Jugendliche richtet, ein animiertes Video produziert, in
dem internationales Kriegsgerät um Anerkennung kämpft – nach dem
Motto: Wer ist der tollste Marschflugkörper? Zur Auflösung der
Fußnote[11] Und der arme Taurus wird bemitleidet, weil Olaf Scholz ihn
nicht fliegen lässt! Unverhohlen und völlig unkritisch wird mit diesem
Video bei Kindern und Jugendlichen für die Lieferung eines
Marschflugkörpers in die Ukraine geworben, dessen Einsatz umstritten
ist, weil wir damit immer mehr zur Kriegspartei werden. Solche
Beiträge, die sich unkritisch mit dem Kriegsgeschehen
auseinandersetzen, müssen in den Rundfunkräten besprochen werden.
Theologische Überlegungen
Der Theologe Friedrich Siegmund-Schultze formulierte 1946: „Die
Menschheit lässt sich wie stets in die Verantwortungslosigkeit
hineinschläfern.“ Ein guter Ansatzpunkt für die Friedensethik: Sich
nicht in Verantwortungslosigkeit „hineinschläfern“ lassen! Hier
könnten die Kirchen eine wichtige Rolle spielen. Jahrhundertelang
wurden Waffen von Kirchenvertretern gesegnet. Und auch heute sehen wir
wieder Bilder davon.
Der russische Patriarch Kyrill rechtfertigt den russischen Angriff auf
die Ukraine, als ob Russland von westlichen Werten wie Freiheit,
Gleichberechtigung und der Anerkennung homosexueller
Lebenspartnerschaften angegriffen würde. Das ist für mich
Gotteslästerung.
Die Kirchen der Welt sind immer in die Irre gegangen, wenn sie Gewalt
legitimiert haben. Denn im Evangelium findet sich dafür keine
Grundlage. Jesus hat gesagt: „Steck das Schwert an seinen Ort“ –
„Selig sind, die Frieden stiften“ und mehr noch: „Liebet Eure Feinde.“
Der Friedensnobelpreisträger Martin Luther King Jr. erklärte, dies sei
das Schwerste, was Jesus uns hinterlassen habe. Das gilt bis heute.
Vor allem aber ist es eine bleibende Mahnung, sich nicht zu
Feindbildern verleiten zu lassen. Es war das theologische Konzept der
Gotteskindschaft, das ihn nicht nur zur Überwindung des Rassismus
antrieb, sondern auch zur grundsätzlichen Ablehnung des Krieges und
zum vehementen Eintreten für gewaltfreie Formen des Widerstands. Dabei
hat King schon früh den Zusammenhang von sozialer Gerechtigkeit und
Krieg dargestellt, der sich auch heute zeigt, wenn
Milliardeninvestitionen in Rüstung mit Kürzungen im sozialen Bereich
einhergehen:
„Kein Mensch, der bei Verstand ist, kann es sich leisten, für soziale
Gerechtigkeit in einem Land zu arbeiten, wenn er/sie nicht zugleich
Krieg ablehnt und sich eindeutig zur Gewaltfreiheit in den
internationalen Beziehungen bekennt.“ Zur Auflösung der Fußnote[12]
Bei all dem gehört es zur Demut eines Menschen, anzuerkennen, dass ich
mit jeder Option, die man im Leben wählt, schuldig werden kann. Wenn
Außenministerin Annalena Baerbock sagt, „unsere Waffen retten
Menschenleben“, dann muss damit die Erkenntnis einhergehen, dass
unsere Waffen eben auch töten, dafür sind sie entwickelt worden.
Wenn Pazifistinnen und Pazifisten Waffenlieferungen an Menschen
ablehnen, die sie zu ihrer Verteidigung anfordern, müssen sie sich
darüber im Klaren sein: Das kann Menschenleben kosten. Niemand kann –
wie es Pontius Pilatus versuchte – die eigenen Hände in Unschuld
waschen. Aber eine Ablehnung von Waffenlieferungen, begleitet von
Konzepten der Diplomatie, der Verhandlung, der Sozialen Verteidigung,
darf als Alternative nicht einfach lächerlich gemacht werden.
Dass die evangelische Militärseelsorge kürzlich erklärt hat, sie
bereite sich auf einen möglichen Verteidigungsfall vor und sei dabei,
einen „geistlichen Operationsplan Deutschland“ zu erarbeiten, der
festlege, wie die Kirche im Kriegsfall handeln könne, zeugt
bedauerlicherweise nicht von unbedingtem Friedensengagement der
Kirchen, sondern von einer Vorbereitung auf Krieg. Zur Auflösung der
Fußnote[13]
Dabei könnten gerade die Kirchen, die über nationale Grenzen hinweg
miteinander verbunden sind und auf Frieden und Versöhnung drängen,
eine vermittelnde Rolle spielen. Sie könnten auch geistig-geistliche
Kraftquellen aufzeigen, die für einen solchen Weg eine intellektuelle
wie spirituelle Grundlage im Sinne Martin Luther Kings bereitstellen.
Zuletzt und persönlich
Als Großmutter von sieben Enkelkindern schreibe ich diesen Text, weil
ich die aktuellen Entwicklungen mit großer Sorge um die nachwachsenden
Generationen sehe. Wenn ich an diese Kinder denke, an all die Kinder
in der Ukraine, in Russland, in Syrien, im Jemen, im Sudan, dann sind
all die Milliarden Euro und Dollar für Aufrüstung und Krieg keine
Investition in ihre Zukunft.
Was sie brauchen, ist eine Investition in die Verhinderung der
Klimakatastrophe. Milliarden Euro in Bildung und Entwicklung machen
ihre Zukunft lebenswert. Unsere Erde ist bedroht durch die
rücksichtslose Ausbeutung aller Ressourcen. Und Krieg ist eine der
schlimmsten Zerstörungskräfte. Nur Abrüstung und Frieden sichern die
Zukunft der Menschheit. Die Hoffnung, dass dies möglich ist, gilt es
gerade in diesen Tagen wach zu halten.
Fussnoten
Zur Erwähnung der Fußnote [1] <https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/bundeswehr-2024/556398/schleichende-militarisierung/#footnote-reference-1>
Vgl. Heribert Prantl, Frieden lernen, 7.3.2024, Externer Link: http://www.sueddeutsche.de/1.6430360 <http://www.sueddeutsche.de/1.6430360>.
Zur Erwähnung der Fußnote [2] <https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/bundeswehr-2024/556398/schleichende-militarisierung/#footnote-reference-2>
Harald Lamatsch, Mehr wir – weniger ich, in: Zeitschrift für innere Führung 2/2024, S. 3; Roderich Kiesewetter, Wenn Kriege zum System werden. Wehrhaftigkeit als neuer gesamtgesellschaftlicher Ansatz, in: ebd., S. 18–23, hier S. 20.
Zur Erwähnung der Fußnote [3] <https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/bundeswehr-2024/556398/schleichende-militarisierung/#footnote-reference-3>
„Im Frieden befinden wir uns schon lange nicht mehr“, Interview mit André Bodemann, 22.4.2024, Externer Link: http://www.faz.net/-19669372.html <http://www.faz.net/-19669372.html>.
Zur Erwähnung der Fußnote [4] <https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/bundeswehr-2024/556398/schleichende-militarisierung/#footnote-reference-4>
Vgl. Georg Ismar, Welche Krieger braucht das Land?, 16.8.2024, Externer Link: http://www.sueddeutsche.de/politik/bundeswehr-wehrmacht-tradition-lux.VPCBxjaU6XQAYUsDva8g4o <http://www.sueddeutsche.de/politik/bundeswehr-wehrmacht-tradition-lux.VPCBxjaU6XQAYUsDva8g4o>.
Zur Erwähnung der Fußnote [5] <https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/bundeswehr-2024/556398/schleichende-militarisierung/#footnote-reference-5>
Vgl. Daria Nynko, Mobilisierungsgesetz: Männer, die in der Ukraine festsitzen, 10.6.2024, Externer Link: http://www.dw.com/a-69294107 <;">http://www.dw.com/a-69294107>; Markus Decker, Streit über wehrfähige ukrainische Flüchtlinge: Unionspolitiker wollen sie zur Heimkehr drängen, 25.5.2024, Externer Link: http://www.rnd.de/politik/fluechtlinge-aus-der-ukraine-wehrfaehige-maenner-sollen-laut-union-heimkehren-4EMHX6BYWZCRHAX2VFNNWLPPPU.html <http://www.rnd.de/politik/fluechtlinge-aus-der-ukraine-wehrfaehige-maenner-sollen-laut-union-heimkehren-4EMHX6BYWZCRHAX2VFNNWLPPPU.html>.
Zur Erwähnung der Fußnote [6] <https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/bundeswehr-2024/556398/schleichende-militarisierung/#footnote-reference-6>
Zit. nach Abschreckung gegen Russland. Sigmar Gabriel kritisiert fehlende Debatte über Stationierung von US-Raketen, 29.7.2024, Externer Link: http://www.spiegel.de/politik/a-10e03af0-04b0-4b9d-8967-e8964a7d6c63 <http://www.spiegel.de/politik/a-10e03af0-04b0-4b9d-8967-e8964a7d6c63>.
Zur Erwähnung der Fußnote [7] <https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/bundeswehr-2024/556398/schleichende-militarisierung/#footnote-reference-7>
Vgl. Hälfte der Deutschen gegen weitere Waffenlieferungen an die Ukraine, 13.9.2024, Externer Link: http://www.ipsos.com/de-de/halfte-der-deutschen-gegen-weitere-waffenlieferungen-die-ukraine <http://www.ipsos.com/de-de/halfte-der-deutschen-gegen-weitere-waffenlieferungen-die-ukraine>.
Zur Erwähnung der Fußnote [8] <https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/bundeswehr-2024/556398/schleichende-militarisierung/#footnote-reference-8>
Vgl. Natalie Wenger et al., Die grausame Bilanz des 20-jährigen Krieges in Afghanistan, 19.8.2021, Externer Link: http://www.nzz.ch/240000-tote-ld.1640684 <http://www.nzz.ch/240000-tote-ld.1640684>.
Zur Erwähnung der Fußnote [9] <https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/bundeswehr-2024/556398/schleichende-militarisierung/#footnote-reference-9>
Vgl. Richard David Precht/Harald Welzer, Die vierte Gewalt, Frankfurt/M. 2022, S. 65.
Zur Erwähnung der Fußnote [10] <https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/bundeswehr-2024/556398/schleichende-militarisierung/#footnote-reference-10>
Jana Stegemann, Liebeserklärung an Prinz Harry, 10.9.2023, Externer Link: http://www.sueddeutsche.de/1.6211762 <http://www.sueddeutsche.de/1.6211762>.
Zur Erwähnung der Fußnote [11] <https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/bundeswehr-2024/556398/schleichende-militarisierung/#footnote-reference-11>
Siehe un.logo!, Kein Taurus für die Ukraine, 27.2.2024, Externer Link: http://www.youtube.com/watch?v=kgsVFZXnkAE <http://www.youtube.com/watch?v=kgsVFZXnkAE>.
Zur Erwähnung der Fußnote [12] <https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/bundeswehr-2024/556398/schleichende-militarisierung/#footnote-reference-12>
Martin Luther King, Address at the Thirty-sixth Annual Dinner of the War Resisters League, Rede vom Februar 1959, Externer Link: https://kinginstitute.stanford.edu/king-papers/documents/address-thirty-sixth-annual-dinner-war-resisters-league <https://kinginstitute.stanford.edu/king-papers/documents/address-thirty-sixth-annual-dinner-war-resisters-league>.
Zur Erwähnung der Fußnote [13] <https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/bundeswehr-2024/556398/schleichende-militarisierung/#footnote-reference-13>
Vgl. Bischöfe bereiten sich auf den Kriegsfall vor, 12.9.2024. Externer Link: http://www.t-online.de/id_100487894 <http://www.t-online.de/id_100487894>.
——
5. Folien zum Trump-Ukraine-Plan
Nach den Turbulenzen der letzten Woche(n) mit der Reichweitenfreigabe von ATACMS
und der russischen Reaktion mit einer Hyperschallrakete, zeichnet sich durch
die Ernennung des Ukraine-Sondergesandten Kellog in Umrissen ab, wie eine Waffenruhe
samt Waffenstillstand und anschließenden Verhandlungen vermutlich aussehen wird.
Ich lege dazu einige Folien bei.
Mit freundlichen Grüßen
Clemens Ronnefeldt,
Referent für Friedensfragen beim deutschen
Zweig des internationalen Versöhnungsbundes
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.