welt.de, Seite besucht am 15. August 2025, 00:20 Uhr, Von Thomas Schmid
Ernst Jandl: Er nannte es ein „Antikriegsgedicht“
Ernst Jandl zum Hundertsten
Munter, geschmeidig, immer waghalsig: Am 1. August 2025 wäre der Sprachrevolutionär Ernst Jandl 100 Jahre alt geworden. Seine konkrete Poesie war Stachel im Fleisch des Kulturkonservatismus und Erinnerung an den Schrecken des Krieges – mit der Sprache der Kinder.
Viele Autoren wollen heute vom Schreiben leben, sich Schriftsteller nennen, herausgehoben sein. Für Ernst Jandl galt das nicht. Kategorisch sagte der Wiener, dessen Vater als Schalterbeamter bei einer Bank arbeitete, Schriftsteller sei kein Beruf. Ein kühler, aber auch melancholischer Realismus zeichnete ihn aus. Schon seit frühen Jahren war ihm klar, dass er unbedingt schreiben wollte, vor allem Gedichte. Das hatte er wohl von der tief religiösen Mutter, die eine Lehrerinnenausbildung absolviert hatte und jede freie Minute nutzte, um – konventionelle – Gedichte zu schreiben. Dass man besser „nebenher“ schreibt, schaute er bei der Mutter ab.
Jandl wurde Lehrer am Realgymnasium. Er, der einen Hang zum Chaos hatte, wollte „geordnete Verhältnisse“. Und damit einen bewusst überschaubar gehaltenen Aufstieg. Zahlreiche Fotos, auf denen er im Kreise seiner Schüler zu sehen ist, zeigen einen unauffälligen, rundlichen Mann, der meist ernst dreinblickt. Er wirkt ein wenig wie der sprichwörtliche Pauker. Einerseits.
Andererseits ist es nicht zu hoch gegriffen, Ernst Jandl einen Revolutionär zu nennen. Einen Sprachrevolutionär. Nach schwierigen publizistischen Anfängen – er fand anfangs keine Verleger – wurde er zu einem Popstar. Auch Günter Grass las zeitweise seine eigenen Texte vor großem Publikum. Bei Jandl war das aber anders. Das Publikum strömte in seine Lesungen, die im Grunde Inszenierungen waren und etwas von einem Fest hatten. 1965 feierten ihn in der Royal Albert Hall in London 4.000 begeisterte Zuhörer. Jandl zertrümmerte mit Absicht den Weihecharakter von Lesungen. Es durfte gelacht werden, es wurde gelacht, und Jandl legte ein beträchtliches sprecherisches, darstellerisches, ja kabarettistisches Talent an den Tag.
Jandls „Sprechgedichte“ veränderten die Literatur
Das war erstaunlich und kam einem Wunder gleich. Denn seine Poesie ist durchaus auch spröde. Ernst Jandl gehörte zu jener Strömung, die man experimentelle oder konkrete Poesie nennt. Eine Poesie, die oft auf Aussage und Sinn verzichtet. Und die Sprache, das Wort, den Laut als Rohmaterial benutzt und zugleich zum Gegenstand macht. Die Texte, die Autoren wie Gerhard Rühm, Franz Mon, Helmut Heißenbüttel oder Max Bense schrieben, waren allesamt dies: stilistisch kühn, avantgardistisch, hermetisch – und vor allem: schwierig, sehr schwierig. Und so ungemütlich wie die Sessel und Sofas, die in den 1960er-Jahren als der letzte Schrei an Modernität galten. So führten diese Autoren eine halbwegs anerkannte, aber karge Existenz in einer stillen Ecke der literarischen Öffentlichkeit. Aus dieser Ecke brach Jandl souverän aus.
Er machte die „Lautgedichte“, die er lieber „Sprechgedichte“ nannte, populär. Er hat damit die Literatur, aber auch die literarische Öffentlichkeit verändert. Mit der Sinnlichkeit seiner Gedichte und seines Vortrags nahm er dem Publikum, besonders dem jungen, die Scheu vor der literarischen Moderne. Jandl-Lesungen waren keine Veranstaltungen für Germanisten, Studienräte und Zahnarztgattinnen. Sondern Events. Für alle. Schon mit seinem Auf- und Antritt bei Lesungen dementierte er das geläufige Bild vom Schriftsteller als einer herausgehobenen Person. Die Aktentasche in der Hand betrat er schnellen Schritts die Bühne, packte seine Manuskripte aus, lehnte die wieder verschlossene Tasche an ein Stuhlbein und legte los. Und ließ dabei den sprichwörtlichen Schulmeister durchblicken.
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Manche Texte Jandls wirken auf den ersten Blick wie höherer oder schlichter Blödsinn. Das sind sie aber ganz und gar nicht. Jandl blieb als Jugendlicher auf strikter Distanz zum Nationalsozialismus, der in Österreich auf überwältigende Zustimmung gestoßen war. Es gelang ihm, seine Einberufung zur Wehrmacht lange hinauszuzögern. Am Ende doch eingezogen, desertierte er bald an der Westfront zu den Briten. Der Krieg blieb eines seiner Lebensthemen. Dass er überhaupt möglich wurde, prägte sein eher pessimistisches Weltbild. Noch 1991 sagte er in einer Rede: „Wir haben uns von dem, was diese moderne Welt zur Hölle macht, seit 1945 überhaupt noch nicht getrennt. Auch wenn noch so viele von uns an der Festigung der Barrieren zu arbeiten meinen, die unser totales Abgleiten in den Abgrund aufhalten sollen.“ Das sind Zeilen, deren Triftigkeit in der heutigen weltpolitischen Konstellation offenkundig geworden ist.
Jandls Gedichte stießen in Österreich, wo in der Nachkriegszeit der Kulturkonservatismus den Ton angab, anfangs auf entschiedene Ablehnung. Insbesondere sein 1957 in einer Zeitschrift veröffentlichtes Gedicht „schtzngrmm“ löste wütende Proteste aus. Jandl wurde als „Verderber des Volkes“ geschmäht, der aus dem Schuldienst entfernt werden müsse. Das Gedicht besteht aus Variationen des Wortes „Schützengraben“, wobei alle Vokale konsequent ausgelassen werden. Wenn Jandl es las, war das Rattern der Maschinengewehre förmlich zu hören. Es ist unverkennbar ein Gedicht, das von den namenlosen Schrecken des modernen Krieges handelt.
Ernst Jandl: „falamaleikum“
Das gilt auch für ein anderes Gedicht Ernst Jandls, in dem zwar die Vokale geblieben, die Leerzeichen zwischen den Worten aber eliminiert sind. So besteht das nur sieben Zeilen lange Gedicht im Grunde aus sieben Wörtern. Es geht so:
falamaleikum
falamaleitum
falnamaleutum
falnamalsooovielleutum
wennabereinmalderkrieglanggenugausist
sindallewiederda.
oderfehlteiner?
Das Gedicht ist eine einzigartige Mischung aus sprachlichem Kinderspiel, schwarzem Humor, wienerischem Slang und bitterböser Zeitdiagnose. Die erste Zeile ist durch das „f“ am Wortanfang leicht als Verballhornung der arabischen und persischen Begrüßungsformel „salām aleikum“ zu erkennen. Salām bedeutet Wohlbehaltenheit, Unversehrtheit, Gesundheit, Frieden. „Salām aleikum“ ist der – ausschließlich Muslimen zustehende – Gruß „Der Friede sei auf Euch!“ Das Gedicht setzt also als Thema den Frieden. Zugleich bricht es den Ernst dieser stilvollen, getragenen Grußformel, indem die Zeile auch das „Salamaleikum“ evoziert, das älteren Zeitgenossen seit ihrer Karl-May-Lektüre vertraut ist. Und das in der Sprache von Kindern lange ein von allem Sinn gelöstes Wortspiel war, das sich zugleich ein wenig über die muslimische Welt lustig machte, sie nicht recht ernst nahm. Was noch durch das entstellende „f“ am Anfang betont wird.
Auch erinnerte das Wort an Zaubersprüche, die von der Beschwörung leicht in eine Verfluchung umkippen können. Kurz: Die erste Zeile formuliert eine Friedensbotschaft aus einer arabischen Märchenwelt – um sie im selben Moment wieder zurückzunehmen. In Tonaufnahmen, in denen Jandl das Gedicht liest, lacht das Publikum regelmäßig bei der ersten Zeile. Ein Lachen, das dann in Verwunderung und fast betretenes Schweigen übergeht. Um an Ende wieder aufzuflackern.
Schon die zweite Zeile führt auf die harte Realität des blutgetränkten Boden Europas. Noch ist nicht klar, wohin das führen wird, aber man versteht: Menschen fallen um. Noch deutlicher wird das in der umgangssprachlichen und wienerisch eingefärbten dritten Zeile. Es ist noch nicht klar, warum die Leute umfallen. Bevor in der fünften Zeile endlich nicht mehr zu übersehen und -hören ist, dass es um Krieg geht, erfährt man in der vierten Zeile, dass es „soo viele Leut“ sind, die umfallen. Der Vorgang, der anfangs fast wie eine Slapstickszene wirkt, kippt nun in Ernst und heiliges Erschrecken. Dem aber Jandl das Pathos nimmt, indem er nicht das oft missbrauchte Wort „Menschen“ verwendet, sondern alltagssprachlich von „Leut“ spricht.
Jandl scheint sogar zynisch mit dem Soldatentod zu spielen. Wie er vom Umfallen spricht, hat man das Bild umfallender Zinnsoldaten vor Augen: ein Kinderspiel. Tatsächlich aber weist der Autor damit auf das Weihe- und Würdelose des Todes in Schlamm und Schützengraben hin. Er erdet den kriegerischen Vorgang gewissermaßen. In Heldenreden, Nachrufen und Todesanzeigen heißt es, ein Soldat sei gefallen. Das klingt gravitätisch und überhöht den Tod. Bei Jandl fällt der Soldat einfach um. Ein absurder, ein lächerlicher Vorgang.
Furios sind dann die abschließenden drei Zeilen. Die vorvorletzte und vorletzte Zeile trug Jandl bei Lesungen in einem ans Militär erinnernden Befehlston vor, der keinen Widerspruch duldete. Die letzten Zeilen formulieren ein Wunder: so viele Tote – und am Ende, wenn der Krieg nur lange genug aus (nicht zu Ende!) ist, sind sie alle wieder da. Als wäre nichts geschehen. Es handelt sich aber nicht um das Wunder der Wiederauferstehung. Die letzten Zeilen sind der Aufruf eines kollektiven Befehlshabers, sich mit den Toten und der Trauer um sie nicht lange aufzuhalten. Jetzt zählt: Schlussstrich. Das Leben geht weiter.
Deutsche Poesie
Nach dem fürchterlichen Ersten Weltkrieg dauerte es nicht lange, bis wieder ein Krieg vorbereitet wurde. Die Erfahrung des Schreckens war wie gelöscht. Und obwohl individuell in den Familien der Toten gedacht und um sie getrauert wurde, funktionierte die Gesellschaft aus einem vitalen, rohen Überlebenswillen heraus weiter wie zuvor. Die Toten waren kein Faktor, kein Memento, kein „Thema“. In dem Sinne waren tatsächlich alle wieder da. Und die Toten waren nur noch: nicht mehr da. Als hätte es sie nie gegeben.
Ernst Jandl ließ von der Kindersprache nicht ab. Wohl alle Menschen bleiben ein Leben lang auch Kinder. Sie lernen, mit dem modulationsreichen Wunder der Sprache mehr oder minder gut umzugehen – verlieren aber nie ganz ihre Freude an der Laut-Anarchie, am mutwilligen Klangspiel fernab alle Bedeutung. Mit Lust pflegte Ernst Jandl kindliche Sprachspiele, in denen reiner Übermut, eine Vom-Stein-aufs-Stöckchen-Phantasie, aber auch eine gewisse Bosheit am Werk sein können. Das Gedicht „falmaleikum“ bewegt sich in rasender Geschwindigkeit vom Friedensgruß zur Friedlosigkeit der Nachkriegsgeschichte. Jandl, der 1951 der SPÖ beigetreten war, nannte es ein Antikriegsgedicht.
In seiner Dankesrede bei der Verleihung des Georg-Büchner-Preises sprach Jandl 1984 davon, wie ihn das Werk des Autors von „Dantons Tod“ beeindruckt habe. Der Schriftsteller Georg Büchner schrieb im Januar 1834 in einem Brief an seine Verlobte in Straßburg: „Ich studierte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit.“ Auf vielen Fotos blickt Ernst Jandl ernst in die Kamera. Dass er Depressionen hatte, verwundert nicht. Ernst Jandl war wohl auch deswegen ein so munterer, geschmeidiger und waghalsiger Sprachspieler, weil er dem grässlichen Fatalismus der Geschichte wenigstens gut gewählte und gut kombinierte Worte entgegensetzen wollte.
Info: https://www.welt.de/kultur/article688a74948f091c7c8852f74a/Ernst-Jandl-Er-nannte-es-ein-Antikriegsgedicht.html
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.
Weiteres:
petraerler.substack.com, vom Aug 13, 2025, Petra Erler
Nur fürs Protokoll - Büchners einfache Frage: Warum gegeneinander kämpfen?
Ukraine, Russland, Kriegstreiberei und ein Gipfel
Zum hundertsten Geburtstag von Ernst Jandl verfasste Thomas Schmid einen Artikel, den die Welt unter der Überschrift „Wir haben uns von dem, was die moderne Welt zur Hölle macht, seit 1945 noch nicht getrennt“ präsentierte.
Ein Leser, „Pooh Baer“, kommentierte den Artikel mit der Bemerkung: „Einer wie Jandl käme jetzt gerade recht gegen Pistorius` Kriegstreiberei.“ Daraufhin schaltete sich umgehend Oliver Michalsky, Chefredakteur WELT Digital ein: "Nur fürs Protokoll: Der Kriegstreiber heißt Putin.“
https://www.welt.de/kultur/article688a74948f091c7c8852f74a/Wir-haben-uns-von-dem-was-die-moderne-Welt-zur-Hoelle-macht-seit-1945-noch-nicht-getrennt.html
„Nur fürs Protokoll“: Ich dachte umgehend an ein Buch, das in der DDR in der Reihe „Bibliothek des 18. Jahrhunderts“ erschien und den Titel „Was ist ein Amerikaner?" trug. Es enthielt alle entscheidenden politischen Dokumente aus der Gründungszeit der USA. So schmuggelte man damals “Konterbande“ an der Zensur vorbei.
Wer den großartigen Artikel von Schmid gründlich liest, findet den Weg zur Dankesrede von Jandl anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1984. Schmid verlinkte sie. In dieser Rede griff Jandl einen Gedanken von Büchner zum Frieden auf:
„Unser aller Sorge betrifft den Frieden; wenigstens tun alle so. Dazu, ein letztes Wort Büchners, aus dem Mund seines Danton: »... wozu sollen wir Menschen miteinander kämpfen? Wir sollten uns nebeneinander setzen und Ruhe haben. Es wurde ein Fehler gemacht, wie wir geschaffen wurden, es fehlt uns etwas, ich habe keinen Namen dafür, wir werden es einander nicht aus den Eingeweiden herauswühlen, was sollen wir uns drum die Leiber aufbrechen?« Das ist ein Wort zum Frieden, welches unsere Unvollkommenheit, unsere Fehlerhaftigkeit, unser vorauszusetzendes Scheitern einbezieht. Mehr wird für uns nicht zu erreichen sein, als uns nebeneinander zu setzen und Ruhe zu haben.“
https://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis/ernst-jandl/dankrede
Mir gefiel das Bild vom ruhigen Nebeneinander. Es entspricht der Vorstellung von „friedlicher Koexistenz“. Sie löst nicht alle Konflikte, aber der politische Wille zur friedlichen Streitbeilegung überwiegt. Friedliche Streitbeilegung gehört zu den Prinzipien der UN-Charta. Es wird seit längerem nicht mehr erwähnt. Denn dieses Prinzip verträgt sich nicht mit dem andauernden US-amerikanischen Anspruch auf Weltherrschaft (Codewörter: globale Führungsrolle, globales Interessenspektrum, einzig verbliebene, „unverzichtbare“ Supermacht, volle militärische Dominanz im ganzen Spektrum). Wer unangefochten führen will, muss alles und jeden niederhalten. Der muss umfassend manipulieren und so viele wie möglich von der Notwendigkeit des Geführtwerdens (Vasallentums) „überzeugen“. Der muss seinen Willen notfalls militärisch exekutieren. Er muss Zwietracht säen, strafen, strafen und nochmals strafen. Kaum einer hat die Grundphilosophie der globalen Herrschaftssicherung der USA so deutlich aufgeschrieben wie Brzeziński.
Das ist die pax Americana. Sie verlangt Unterwerfung. Daher ist jede aufsteigende Macht ein Feind, ein gefährlicher Rivale um den Thron. Selbst wenn der schon bröckelt, wenn die Macht nicht mehr so ausgeübt werden kann, wie man will, wird an der Allmachtphantasie noch festgehalten.
Geschichtlich betrachtet, sind die meisten niedergehenden Imperien nicht friedlich geschieden. Wie der aktuelle Niedergang der USA bzw. der von ihr geführten „westlichen Welt“ abläuft, wie lange er dauern wird, ist offen, aber die Gefährlichkeit des Prozesses ist kaum zu bestreiten. Wir leben im Atomzeitalter, mit verfeindeten Mächten, die auf einem großen Arsenal von Atomwaffen sitzen, die die ganze Welt verletzbar machen. In Sicherheit ist keiner. Unter solchen Bedingungen ist „Kriegstreiberei“ eine hochgefährliche, völlig irregeleitete Politik.
An allem ist nur Putin schuld, dieser „Kriegstreiber“, glaubt ein führender Journalist dieses Landes. Er steht mit diesem Glauben nicht allein auf weiter Flur. In diesem Glauben, man kann es auch Überzeugung nennen, sind große Teile der politischen und medialen Eliten unseres Landes, in der EU, auch in den USA gefangen. Davon gründlich abgespalten sind das Nachdenken über und die Einsicht in geschichtliche Prozesse, die Auseinandersetzung mit allem, was dem eigenen Glauben zuwiderläuft.
Die jüngste Erklärung, die die „Präsidentin“ von der Leyen (noch ist sie „nur“ Präsidentin der Europäischen Kommission), der finnische und der französische Präsident sowie die Regierungschefs von Deutschland, Großbritannien, Italien und Polen im Vorfeld des Treffens zwischen Trump und Putin abgaben, ist ein treffliches Beispiel dafür.
Man kann sie auch als politische Bankrotterklärung erster Güte begreifen. Es gibt nur noch ein paar „Willige“ in der EU bzw. auf der britischen Insel, die die politischen Ursachen dieses Krieges konsequent negieren, seinen Charakter als Stellvertreterkrieg nicht verstehen und die den Anspruch auf eine Sicherheitsordnung, die den gesamten europäischen Kontinent, erfasst, die also Russland einschließt, aufgegeben haben. Die Feindschaft zu Russland wollen die „Willigen“ behalten, das Trugbild von einer „freien“ Ukraine, die alles selbst entscheidet (einschließlich Nato-Mitgliedschaft?), auch. Es ist eine Erklärung an „daddy“, der es nun richten soll, aber nicht ohne die lieben Kleinen und nur so, wie sie sich das trotzig vorstellen.
Mit Realität oder Sicherheit für alle hat das alles gar nichts zu tun.
https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/statement-by-president-macron-prime-minister-meloni-chancellor-merz-prime-minister-tusk-prime-minister-starmer-president-von-der-leyen-and-president-stubb-on-peace-for-ukraine-ahead-of-president-trump-s-planned-meeting-with-president-putin-2377442
Man fragt sich, auf welchem Planeten die „Willigen“ und ihre Sprachrohre leben. Ging an ihnen vorbei, was 2008 noch alle wussten: Dass die Nato-Einladung an die Ukraine eine „Art Kriegserklärung“ an Putin war?
Ging an ihnen vorbei, wer sich die Ukraine als anti-russisches Projekt maßschneiderte und dabei das politische Zerbrechen der Ukraine riskierte?
Ging an ihnen vorbei, wer den bewaffneten Kampf gegen den Donbas befahl?
Ging an ihnen vorbei, wer die Erfüllung des Minsker Abkommens wollte, und wer das hintertrieb?
Ging an ihnen vorbei, was der Nato-Generalsekretär 2023 zum Hintergrund des Ukraine-Krieges vor dem Europäischen Parlament unumwunden erklärte:
„Und wir müssen uns den Hintergrund vor Augen halten. Der Hintergrund war, dass Präsident Putin im Herbst 2021 erklärte und tatsächlich einen Vertragsentwurf vorlegte, den die NATO unterzeichnen sollte, um zu versprechen, dass es keine weitere NATO-Erweiterung geben würde. Das war es, was er uns geschickt hat. Und das war eine Vorbedingung dafür, dass er nicht in die Ukraine einmarschieren würde. Natürlich haben wir das nicht unterzeichnet. Das Gegenteil ist eingetreten. Er wollte, dass wir dieses Versprechen unterzeichnen, die NATO niemals zu erweitern. Er wollte, dass wir unsere militärische Infrastruktur in allen Bündnisstaaten, die seit 1997 der NATO beigetreten sind, also in der Hälfte der NATO-Staaten, in ganz Mittel- und Osteuropa, abziehen und die NATO aus diesem Teil unseres Bündnisses entfernen, indem wir eine Art B- oder Zweitklassenmitgliedschaft einführen. Das haben wir abgelehnt. Also hat er Krieg geführt, um zu verhindern, dass die NATO näher an seine Grenzen rückt. Er hat genau das Gegenteil erreicht.“
https://www.nato.int/cps/en/natohq/opinions_218172.htm
Lesen die nicht, hören die nicht, sehen die nicht, oder wird nur das gelesen, gesehen, gehört, was in den eigenen Glauben passt?
Fällt ihnen nicht auf, dass die „unabhängige“ Ukraine längst nicht mehr unabhängig ist, nicht, wenn es um Geheimdienste, militärische Strategien oder strategische Personalentscheidungen geht. Die heutige Ukraine hängt an den finanziellen und militärischen Transfers des Westens. Die faktische Übernahme des militärischen Oberkommandos über die ukrainische Kriegsführung war in der New York Times und in Times nachzulesen, aber nur, weil sich die USA und Großbritannien stritten, von wem die angeblich genialen Empfehlungen kamen, wie der Krieg zu führen ist.
Ist ihnen nicht klar, dass der US-Präsident Biden nie an einen militärischen Sieg der Ukraine glaubte und trotzdem einen frühen Friedensschluss zwischen der Ukraine und Russland verhinderte, im Bestreben, Russland strategisch zu schwächen? (Quelle TIME)
Begreifen sie nicht, wie fatal die aktuelle Kriegslage in der Ukraine ist?
Sind sie völlig ignorant, dass die Sanktionspolitik, von der sich nicht nur Biden „kriegsähnliche“ Wirkungen auf Russland erhoffte, auf den Westen zurückschlug, in allererster Linie auf Deutschland?
Kürzlich korrigierte das Statistische Bundesamt seine Berechnungen zur Entwicklung des Bruttosozialprodukts 2023 und 2024 nach unten und zwar massiv - der Einbruch (Rezession) war sehr viel größer als angenommen. Das wurde hingenommen.
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/07/PD25_278_811.html
Womöglich sind die „willigen“ Koalitionäre anhaltend willens, Russland strategisch zu schwächen. Wie sie das anstellen wollen, bleibt ihr Geheimnis. Auf tapfere Durchhalteparolen folgt nichts.
Womöglich halten sie auch alles, was nicht in die eigene Glaubenswelt passt, für russische Desinformation.
Wahrscheinlich glauben sie dem Narrativ der „Zeitenwende“, dass der Westen immer lieb und gut zu Russland war, in naivem Vertrauen immer wieder seine Hand ausstreckte. Aber wie hat es uns dieses KGB-geführte Russland gedankt? Mit der Unterminierung unserer Demokratie, mit Krieg, mit der Lust, das Sowjetimperium wiederherzustellen und demnächst über die Nato herzufallen.
Das ist zwar erlogener Blödsinn, aber für manche ist das ein Wohlfühlfaktor. So wie Volker Pispers einst bemerkte: „Wenn man weiß, wer der Böse ist, hat der Tag Struktur.“
Die Nato kann sich intern immer noch nicht einigen, wann und in welchem Land der russische Ernstfall als erster eintritt: Estland, Lettland, Litauen oder Schweden? Oder gehts doch direkt gegen Deutschland (also zuerst durch Polen)? Oder etwa stracks gegen Paris? (In 5 Jahren schon?)
So wie sich die Nato auch nicht auf ihr eigenes Selbstbild einigen kann: Ist sie nun stärker als alles, was je existierte, stärker als das Römische Imperium oder das Napoleonische und muss nur noch ein bisschen „nachbessern“ (Mark Rutte)? Oder geht in der Ukraine gerade ein Stellvertreterkrieg flöten?
So jedenfalls musste man den US-Vizepräsidenten beim Treffen mit Selenskyj im Weißen Haus verstehen. So ist der Dringlichkeits-Gipfel in Alaska gemeint: Wir versuchen zu retten, was noch zu retten ist. So wie es ist, darf es nicht weitergehen.
Aber auf diesem Auge sind die „willigen“ Koalitionäre erst recht blind.
Derweil wächst die Kriegsmüdigkeit in der Ukraine. Laut Gallup wollen 69 Prozent der befragten Ukrainer einen verhandelten Frieden. Und zwar fix.
https://news.gallup.com/poll/693203/ukrainian-support-war-effort-collapses.aspx
Radio Free Europe (RFE) beschäftigte sich kürzlich mit der Personalfrage in der ukrainischen Armee. Selbst wenn die Nato noch viele Waffen hätte, die der Ukraine geliefert werden könnten (und das ist zu bezweifeln), wer soll sie benutzen? Die ukrainischen Verluste sind hoch, die Zahl der Deserteure auch, die Frontlinien werden durchlässig. Ganz unabsichtlich räumte der Artikel von RFE auch mit Kriegsmythen auf. Er erinnerte daran, dass die russische Invasion der Ukraine 2022 mit etwa 150.000 bis 190.000 Soldaten erfolgte, die ukrainische Armee damals 215.000 aktive Kämpfer gehabt habe, aber schnell bis zu 700.000 weitere Kämpfer mobilisierte.
Nun seien etwa 600.000 russische Soldaten auf dem Schlachtfeld und etwa 300.000 ukrainische. Die Praxis der zwangsweisen Rekrutierung in der Ukraine und die vielen Deserteure werden auch erwähnt. Wer so an die Front gezerrt wird und das erste Gefecht überlebt, sieht zu, dass er sich vom Acker macht. Aber noch gibt es, so RFE, die 18- bis 25-jährigen Ukrainer. Die sind das letzte Aufgebot. Nur, die Mobilisierung dieser Altersgruppe ist in der Ukraine nicht populär. Trotz massiver Vergünstigungen gingen nur etwa 500 unter ihnen freiwillig.
https://www.rferl.org/a/ukraine-infantry-crisis-military-army-war/33497989.html
Wo soll die „Ersatzarmee“ herkommen, die den Feind auf die tapfer beschworenen Grenzen der Ukraine von 1991 zurückdrängt?
Kann die Nato liefern? Das ist das, was die „willigen“ Koalitionäre insinuieren. Das ist der letzte Strohhalm für die Ukraine. Das ist feuchte Traum von Nato-Militärs, die vom schon gut durchgeplanten Angriff auf das “aktive Kriegsgebiet” Kaliningrad schwafeln.
Im Juli gab das „European Movement International“ eine Umfrage heraus, die in den sechs großen EU-Mitgliedstaaten und Schweden gemacht wurde.
https://cdn-europeanmovementeu.b-cdn.net/wp-content/uploads/2025/07/EMI-defence-poll-report-v1.5-1.pdf
Sie enthielt unter anderem Fragen zu einer EU-Verteidigungspolitik. Es gab höchst unterschiedliche Ansichten, wie die sich im einzelnen gestalten könnte. Von einer EU-Armee halten die wenigsten Deutschen was. Eindeutig war, dass nur Minderheiten von EU-Bürgern bereit wären, ein anderes EU-Land mit der Waffe zu verteidigen (37%).
Die Frage nach einem EU-Plan für die Ukraine stieß überall auf Mehrheiten (57%). Als Teil eines solchen Planes befürwortete eine Mehrheit in allen sieben Ländern mehr diplomatische Verhandlungen zugunsten eines Waffenstillstands in der Ukraine (in D: 54%). Unter den Ländern umstritten waren bereits die Fragen, ob die Sanktionspolitik gegen Russland verschärft werden soll (in D: 56%), mehr humanitäre Hilfe geliefert werden (in D 56%) oder der Ukraine fortschrittlichere und schlagkräftigere Waffen gegeben werden sollten (in D: 43%). Die Schaffung einer internationalen Militärkoalition zugunsten der Ukraine oder die Entsendung einer EU-Friedensmission stießen in allen sieben Ländern auf mehrheitlichen Widerspruch, ebenso wie die Idee einer beschleunigten EU-Mitgliedschaft für die Ukraine oder die Schaffung eines europäischen Atomschirms unter Einbeziehung der Ukraine.
Nur sieben Prozent aller Italiener, acht Prozent aller Rumänen und neun Prozent aller Polen konnten dem Gedanken etwas abgewinnen, dass EU-Soldaten in der Ukraine kämpfen sollten. In Deutschland und Frankreich sprachen sich jeweils 12 Prozent dafür aus. Die höchste Zustimmungsrate gab es in Schweden. Sie lag bei 21 Prozent.
Der Titel der Umfrage begann mit: „Hört den Menschen zu“. Das tat gewiss keiner der „willigen Koalitionäre“.
Deshalb und „fürs Protokoll“: Noch lebt in der EU der öffentliche Wunsch, dass sich dieses Gemeinschaftswerk vieler europäischer Völker einsetzen sollte für Frieden in Europa, und zwar durch Diplomatie und Verhandlungen, aller politischen Eiferei zum Trotz. Zum Soldaten und zum Sterben fürs fremde Land - und das beginnt bereits beim EU-Nachbarn - sind die wenigsten EU-Bürger geboren.
So möge es bleiben. Dann ist noch Hoffnung, dass es gelingen kann, auf diesem Kontinent, einschließlich Russland, einschließlich der Ukraine, „nebeneinander zu sitzen und Ruhe zu haben.“
Info: https://petraerler.substack.com/p/nur-furs-protokoll-buchners-einfache
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.
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