aus e-mail von Doris Pumphrey, 30. September 2025, 11:15 Uhr
(…) Bis heute fällt es Menschen ohne Sozialismuserfahrung schwer zu
verstehen, dass in der DDR im wahrsten Sinne eine andere
Gesellschaftsordnung herrschte und diese in zentralen Teilen akzeptiert
war: Das Leben fand im und rund um den Betrieb statt. Dort fand man eine
stabile Gemeinschaft, Geselligkeit, die zweite Familie außerhalb der
Kernfamilie – inklusive Zoff. Viele haben den Wert erst verstanden, als
dieser Teil des Lebens zerfiel, als die Balance zwischen Gemeinschaft
und Vereinzelung, zwischen Kollektiv und Individuum krass in Richtung
Individualismus kippte. Aus den Erzählungen spricht Phantomschmerz. (…)
Berliner Zeitung 16.9.2025
<https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/wir-brauchen-euch-nicht-mehr-wie-sich-ostdeutsche-an-den-treuhand-schock-erinnern-li.2354339>
*„**Wir brauchen euch nicht mehr“:
Wie sich Ostdeutsche an den Treuhand-Schock erinnern
*Gedemütigt, gefeuert, missachtet: Ex-DDR-Bürger erzählen vom
traumatischen Umbruch und vom gezielten Absterben ihrer exportstarken
Betriebe. Wie wirkt das nach?
/Von Maritta Adam-Tkalec
/Warum sind sie nur so komisch, diese Ostdeutschen? Bockig und
undankbar zeigen sie ein Verhalten (zumal bei Wahlen), das vor allem
dort nicht gefällt, wo einst die Vereinigung „gestaltet“ wurde.
Politiker bzw. deren Parteien, die damals Verantwortung trugen, sind
sehr, sehr enttäuscht vom Ossi.
Hatten sich die Leute nicht damals, vor 35 Jahren, so gefreut, als die
Westmark kam, genauer gesagt: die Wirtschafts- und Währungsunion? Ja,
mit der heiß ersehnten D-Mark, der Reisefreiheit, dem Ende von
SED-Bevormundung und Stasi-Spitzelei kam eben auch ein
Wirtschaftssystem, das zum gewohnten, auf Kollektiv, Staat und Plan
aufgebauten DDR-Sozialismus vorne und hinten nicht passte.
Die wichtigsten Antworten setzen genau dort an, wo die anfängliche
Freude in der Einsicht endete, dass „das, was wir dem
Staatsbürgerkundelehrer nicht hatten glauben wollen“, die Wahrheit ist,
nämlich, dass es im Kapitalismus um Profit geht, wie es Bernd Schmelzer,
Jahrgang 1960, ehemals Maschinist für Förderanlagen im Kaliwerk
Bischofferode
<https://www.berliner-zeitung.de/kaliwerk-bischofferode-widerstand-gegen-das-wirtschaften-der-maechtigen-li.23235>,
ausdrückt. Er gehörte zu denen, die 1993 bei der Verteidigung ihres
Arbeitsplatzes bis zum Äußersten gingen und gegen die
Betriebsliquidierung durch die Treuhand in den Hungerstreik trat.
*„Hängehausen“: Mancher Bergmann hing nach ’89 am Baum
*Jahre später resümiert der Mann aus dem südlichen Eichsfeld
verzweifelt: „Seit der Schließung des Schachts verödet meine Heimat. Sie
wurde zum wahren Outback der Region: die Autobahn weit weg, die
Bahnstrecke stillgelegt, keine große Stadt in der Nähe.“ Viele Freunde
seien in den Westen gezogen, den gut bezahlten Arbeitsplätzen hinterher,
und: „Einige verfielen dem Alkohol, einige setzten ihrem Leben vorzeitig
ein Ende. So mancher Bergmann baumelte in den Jahren nach 1989 an einem
Baum. Mit Galgenhumor nannte man unseren Ort ,Hängehausen‘.“
Was den Menschen zu Millionen bei der Transformation des DDR-Sozialismus
in BRD-Kapitalismus widerfuhr, wissen viele aus eigener Erfahrung.
Andere haben erlebt, wie die Familie Anfang der 1990er-Jahre verzweifelt
um den Küchentisch saß und sich fragte, wie es weitergehen solle. Es
dürfte kaum eine DDR-Familie ungeschoren durch die Umbruchszeit gekommen
sein. Eine Million Menschen, vor allen die Jungen, Tatkräftigen, sind
gegangen.
Verharrt die Geschichte am Küchentisch, hält man sie für persönliches
Schicksal. Kommt sie kompakt in die Öffentlichkeit, als Buch, in dem
viele, ganz normale Leute, wie der Maschinist Bernd Schmelzer ihre
Geschichte erzählen, entsteht ein anderer Eindruck: Der Absturz Ost war
ein Massenphänomen.
Damit die Geschichten der vielen Einzelnen nicht verwehen und nur die
offiziellen Darstellungen übrigbleiben, hat die Jenenserin Katrin
Rohnstock Erzählungen gesammelt – unermüdlich über viele Jahre,
hartnäckig und überall, nicht nur in den Industriezentren, sondern
gerade dort, wo die Deindustrialisierung den Zusammenbruch einer ganzen
Region bedeutete. Nun legt sie eine Auswahl in dem Buch „Der große
Schock. Ostdeutsche erzählen von den Folgen der Treuhand-Politik
<https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/treuhand-forschung-in-zwoelf-kilometer-akten-versachlichen-und-versoehnen-li.287211>“
vor, erschienen bei BeBra.
Sie leitet die Anthologie mit dem klaren Blick einer Frau ein, die als
Organisatorin vieler Dutzend Erzählsalons mit Hunderten Teilnehmern
Einsichten wie nur wenige andere gewonnen hat. Für sie steht fest: Der
Osten wird nicht gehört. Als existiere die besondere Geschichte nicht,
komme dieser Teil der Wahrheit in offiziellen Darstellungen der
Wendezeit nicht vor. Es war eine Zeit, so ihre Worte, die als Schock,
als Kontrollverlust erlebt wurde. Menschen wurden überrollt, ohne Chance
einzugreifen, sahen sich konfrontiert mit unerklärten Entscheidungen.
Das sollte Demokratie sein? So hatte man sich das nicht vorgestellt.
Beim Aufschreiben dieser Sätze fällt auf: Treffen diese Beschreibungen
nicht auch auf 2015 und die Migrationspolitik zu? Kontrollverlust,
überrollt ohne gefragt zu werden, unerklärte Entscheidungen? Dem
Treuhandtrauma folgte das nächste und führte vielerorts zu heftiger
Ablehnung. Und beschreiben diese Worte nicht auch die Gefühle der
Pandemiezeit?
Zurück zum Buch: Die Erzähler aus dem Kaliwerk Bischofferode, der
Esda-Strumpffabrik in Diedorf, von Henneberg Porzellan Ilmenau und dem
Möbelwerk Eisenberg, dem DDR-Bürger bekannte Betriebe, schalten
reihenweise Lichter an – nicht weil sie komplexe Erläuterungen
ausbreiten, sondern weil sie unverstellt und authentisch ihr Leben
erzählen – sie lassen besser verstehen, warum der Wunsch nach einer
politischen Alternative im Osten noch stärker ist als im Westen.
Die Erklärungen müssen dort ansetzten, wo der Ur-Schmerz entstand: beim
Abreißen des gesamten Lebensgefüges, bei Entlassung, Betriebsschließung,
Arbeitslosigkeit, endlos-sinnarmen Umschulungen, ABM, Demütigung,
Entwertung der Qualifikation und damit der Lebensleistung – all das, was
gemeinhin als Ossi-Gejammer hingestellt wird.
Die mehr als 30 Lebensberichte sind auch Gegengift zu den in deutschen
Medien, auch Schulbüchern verbreiteten Zerrbildern, denen zufolge das
Leben in der DDR im wesentlichen aus Parteidoktrin und Stasiterror
bestand. Die Köche, Anlagenfahrer, Keramikfacharbeiterinnen,
Verkaufsleiter, Textilingenieurinnen, Außenhändler oder Buchhalterinnen
haben die Realität offenbar differenzierter in Erinnerung als sachferne
Autoren mit Sichtblenden.
*Was Kapitalismus-Sozialisierte nicht verstehen
*Die Erzählungen machen klar, was Kapitalismus-Sozialisierte bis heute
nicht verstanden haben: Es ging bei den Treuhandabwicklungen nicht bloß
um Jobs, sondern um das ganze Leben. Nehmen wir Maria Lange, Jahrgang
1954, Tochter eines Landwirts und einer Schneiderin, Textilarbeiterin in
der Strumpffabrik Esda. Sie erlebte Wende und Umbruch als Ingenieurin
von Mitte 30. Bei Esda wurde 1957 die erste Kinderstrumpfhose
hergestellt; die gingen en masse in den Westen; auch Bundeswehrsocken
lieferten die keine fünf Kilometer von der Grenze zum Westen entfernt
produzierenden Diedorfer – und versah sie mit West-Etiketten. Jeder
DDR-Haushalt hatte irgendetwas von Esda.
Maria Lange überstand mehrere Kündigungswellen. Als 2004 ihre
Musterabteilung aufgelöst wurde, ging sie in die Produktion: „Wir
dachten, wenn wir nur mehr arbeiten, würde es schon weitergehen.“ Das
Ende erlebte sie 2008: „Der letzte Strumpf war gestrickt.“ Bis 2014
hatte sie Beschäftigung als Verkäuferin im Strumpfshop – wieder ein
Abstieg, aber auch an dieser Arbeit fand sie Freude.
Bitterkeit blieb nicht, aber Wehmut bei der Erinnerung an das Leben mit
dem Betrieb: „Wir gingen gemeinsam durch dick und dünn, erlebten schöne
und schlechte Zeiten. Es gab Feiern und Freundschaften im Kollegenkreis.
Manchmal beschimpfte man sich, wollte alles hinschmeißen und rannte
fort. Doch wir rauften uns zusammen. Wir verlebten bei Esda eine gute
Zeit: kollegial, freundschaftlich, relativ sorgenfrei – ganz anders als
heute.“ Nichts als lächerliche Ostalgie?
Bis heute fällt es Menschen ohne Sozialismuserfahrung schwer zu
verstehen, dass in der DDR im wahrsten Sinne eine andere
Gesellschaftsordnung herrschte und diese in zentralen Teilen akzeptiert
war: Das Leben fand im und rund um den Betrieb statt. Dort fand man eine
stabile Gemeinschaft, Geselligkeit, die zweite Familie außerhalb der
Kernfamilie – inklusive Zoff. Viele haben den Wert erst verstanden, als
dieser Teil des Lebens zerfiel, als die Balance zwischen Gemeinschaft
und Vereinzelung, zwischen Kollektiv und Individuum krass in Richtung
Individualismus kippte. Aus den Erzählungen spricht Phantomschmerz.
Der Textilfacharbeiter Heinrich Lange, Jahrgang 1951, der nach
Qualifizierung zum Ingenieur in der Materialbeschaffung von Esda tätig
war, ging vor dem Rauswurf und wurde Baggerfahrer in einer Kiesgrube. Er
hatte erlebt, wie eine holländische Firma das hochwertige Material aus
dem Esda-Lager zum Spottpreis aufkaufte, alles in Container packte.
Man sagte, das Material gehe nach Afrika: „Dort sollte billiger
weiterproduziert werden. Das darf man gar keinem erzählen.“ Auch er
beklagt als größten Verlust: „die Kollegen“. Enge Freundschaften, tolle
Beziehungen – „weil keiner auf den anderen neidisch war. Heute gucken
viele danach, was der andere besitzt, ob das Auto größer ist. Das hat
bei uns damals keine Rolle gespielt“.
*Der „Altschulden“-Betrug
*Das andere große Missverständnis betrifft die sogenannten Altschulden.
Katrin Rohnstock erläutert im Vorwort das ökonomische Drama: Alle
DDR-Betriebe führten demnach bis auf einen kleinen Teil zum Selbstbehalt
ihre Gewinne an den Staat ab und beantragten aus diesem gemeinsamen Topf
Investitionsmittel. Die für Ausbau und Modernisierung gewährten Gelder
wurden nach der Wende als Kredite klassifiziert, die die Betriebe an
westdeutsche Banken mit hohen Zinsen zurückzahlen mussten. Ein
doppelter, politisch verordneter, amtlich-offizieller Diebstahl.
Rohnstock: „Diese sogenannte Altschulden-Regelung brach vielen Betrieben
auch unabhängig von der Treuhandpolitik das Rückgrat.“
Wie erging es den fünf Betrieben? Das Kaliwerk Bischofferode machte Ende
1993 zu. Wie und von wem politischer Druck ausgeübt wurde, beschreibt
Johannes Peine, der als West- Unternehmer versucht hatte, den
Kalibergbau zu erhalten. Er berichtet auch von einer australischen
Firma, die jetzt das an Bischofferode angrenzende Kalisalzvorkommen
fördern wolle – was er damals schon vorhatte.
Die Esda-Strumpfabrik wurde abgewickelt, obwohl Nachfrage und Know-how
vorhanden waren. Buchhalterin Maria Weber, Jahrgang 1942, erlebte es so:
„Die letzte Bilanz 1994 schloss ich im Plus ab, mit Gewinn.“ (Am Tag
darauf bekam sie die Kündigung.) Bei der Treuhand habe das niemanden
interessiert. Sie kann „bis heute nicht verstehen, warum ein solider,
gewinnbringender Betrieb dichtgemacht wurde“. Es habe lapidar geheißen:
„Wir brauchen euch nicht mehr.“
Die Wirrungen im Porzellanwerk Henneberg fasst Michael Kühnlenz,
Jahrgang 1954, Vorsitzender des Vereins Ilmenauer Porzellantradition,
zusammen: Der von der Treuhand vermittelte iranische Käufer zahlte weder
den Kaufpreis noch erfüllte er seine vertraglichen Verpflichtungen; die
Treuhand zahlte Provisionen für faule Aufträge. Stichworte aus seinem
Bericht: Männergekungel, West-Unternehmensberater zweiter Garnitur,
neidische Konkurrenz, Marktlage. 2009 war Schluss.
Für das Möbelwerk Eisenberg verweigerte die Treuhandanstalt eine
Übernahme durch die erfahrene Werksleitung. Unternehmerische
Eigeninitiative (Erfolgsmodell Schrankwand „Rustica“) bremste den
schleichenden Verfall, verhinderte aber nicht die endgültige Insolvenz.
Die Liquidation des Relaiswerks Großbreitenbach hat der Jurist Lucas
Stoll untersucht, dafür 36 Leitz-Ordner à 300 Blatt Akten analysiert.
Sein Fazit: Hauptursachen waren das Wegbrechen des Exportmarktes in
Russland und Osteuropa, fehlende Abnehmer im Inland und im Westen, ein
Wettbewerber, der alles tat, um den Konkurrenzen vom „besetzten“ Markt
zu kriegen. Altschulden, Währungsumstellung und hohe Investitionszinsen
taten ein Übriges.
*Vom Stolz, das durchgestanden zu haben
*Die hier erzählen, haben ihr Treuhand-Trauma selbst erlebt. Sie wissen,
wovon sie reden: wie marode (bzw. nicht) ihre Betriebe waren, wie sie
über die Kante gestoßen wurden und warum. Sie haben, so Katrin
Rohnstock, „Erfahrung von Ungerechtigkeit, Beharrlichkeit, Widerstand,
Selbstbehauptung“.
Die authentischen Zeitzeugenaussagen verdienen es, sehr ernst genommen
zu werden. Sie stehen exemplarisch für die Entwicklungen im Zuge der
Umsetzung des Beitrittsbeschlusses – ebenso aber auch für den Stolz der
Menschen auf ihre Resilienz beim Durchstehen existenziell schwieriger
Situationen. Nicht wenige äußern ihren Groll, indem sie Protest wählen.
*/Zum Buch:
/*/Titel: Der große Schock. Ostdeutsche erzählen von den Folgen der
Treuhand-Politik
Herausgegeben von Katrin Rohnstock, Rohnstock Biografien - Erschienen
bei BeBra, Berlin, 2025
Buchvorstellung: Mittwoch, 24. September 2025, 18 Uhr im
Stadtteilzentrum Weißensee
/
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.
Weiteres:

nachdenkseiten.de, 30. September 2025 um 9:00 Ein Kommentar von Frank Blenz
Auf einem Schloss treffen sich Ost-Ministerpräsidenten mit der Bundesregierung – der Osten solle mitprofitieren – vom Höhenflug der Aufrüstung und der Aufträge. Davon blieb der Osten ja bisher ausgeschlossen, so die Kritik. Von Rüstungsaufträgen zu lassen, von dem Wahnsinn der Aufrüstung, davon spricht keiner. Was wäre das für ein Signal, sperrten sich Ost-Ministerpräsidenten, Ostbeauftragte und Ostbürger massiv gegen den Irrsinn.
Soso, es geht darum, etwas vom Kuchen der Aufrüstung für den benachteiligten, teils vergessenen Osten abzubekommen. Dafür spucken Politiker im Osten in die Hände. Zwei Ministerpräsidenten laden den Kanzler und den Verteidigungsminister nach Weimar ein. Etwas Charme des Ostens darf auch sein – die Ostbeauftragte Elisabeth Kaiser gehört der Delegation von Friedrich Merz an. Ostmedien berichten, ohne zu mucken. Auf der Internetseite der Ostbeauftragten ist alles klasse. So müssen nur noch Merz und Boris Pistorius (schließlich beliebtester Politiker der Republik) den Daumen in die Höhe halten, auf dass ein paar Aufträge (in Funktion vielleicht der allseits beliebten verlängerten Ost-Werkbank) ausgereicht werden. Ach ja, ein bisschen Gegenwind durch die Bürger darf sein, stellt der thüringische Ministerpräsident im MDR in Aussicht. Der in vollem Gang befindliche Rüstungswahn wird jedoch nicht infrage gestellt. So eine öde Show.
Auf Schloss Ettersburg trifft sich Ost-Politelite mit Bundeselite zum Kuchenaufteilen
Bei Weimar in Thüringen liegt ein schönes Anwesen – das Schloss Ettersburg. Dort finden sich hochrangige Persönlichkeiten wie unsere Politiker, im aktuellen Fall zwei Ministerpräsidenten, die Ostbeauftragte, der Bundeskanzler und der Verteidigungsminister, gern zusammen, um wichtige Entscheidungen für unser Land, also für die Konzerne zu besprechen. Die Liste der Konferenz ist lang, so der MDR, 20 Punkte stehen an. Eine Position überragt alle: die Beteiligung Ostdeutschlands an der Aufrüstung Deutschlands. Aufträge, Arbeitsplätze, Stärkung der Verteidigungsfähigkeit – was soll man dagegen haben? Der Osten liege strategisch gut, ist zu hören: Richtung Ostflanke und als Korridor usw. Auf Schloss Ettersburg erfahren Merz, Pistorius und Kaiser, dass man im Osten nicht erfreut ist, dass die meisten Aufträge der Aufrüstung in den Westen gehen – dort, wo halt die Waffenschmieden, Konzerne plus Schaltzentralen ihren Sitz haben. Nur gut, dass ein CDU-Politiker aus dem Osten sich bemerkbar gemacht hat. Das „MDR-AKTUELL-Nachrichtenradio“ meldet entsprechend folgsam:
Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt mahnte an, dass die ostdeutschen Länder stärker vom Ausbau der Verteidigungsfähigkeit profitieren sollten. Der CDU-Politiker sagte MDR AKTUELL, man habe innovative Firmen im Bereich Robotik, Cybersicherheit und Maschinenbau. Diese sollten bei der Auftragsvergabe mehr berücksichtigt werden.
(Quelle: MDR)
Dem Thüringer springt der Sachse bei, Ministerpräsident Michael Kretschmer schlägt einen Ton an, der kritisch klingt. Durch die Blume sagt er, dass zwar viel Geld (Schulden) bereitsteht, eingesetzt wird das jedoch im Westen und Kasse wird auch dort gemacht, während dem Osten nur das Mitabbezahlen (der Schulden) bleibt:
Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer schlug eine Ostdeutschland-Komponente bei der Vergabe von Aufträgen vor. Er sagte MDR AKTUELL, Deutschland nehme Milliarden-Schulden für die Verteidigung auf. Es könne nicht sein, dass die Aufträge im Westen abgearbeitet würden. Auch sächsische Unternehmen sollten vom höheren Wehretat profitieren können.
(Quelle: MDR)
Ein bisschen Widerstand, eine Prise Bürgerbeteiligung
Während die eloquenten Zitate aus dem Schloss via ÖRR des Volkes Ohren erreichen, vergisst der ÖRR nicht, ganz „ausgewogen“ halt, dass man auch ein wenig Gegenwind versus Rüstungsaufträge, Rüstung und Kriegsertüchtigung im Blick habe, also der thüringische Ministerpräsident zumindest:
Protesten gegen einen Ausbau der Rüstungsindustrie will der Thüringer Ministerpräsident indes aktiv begegnen, indem die Frage unter anderem in einem Bürgerrat diskutiert werde.
(Nachrichten 25. September 2025, 12:15 Uhr)
(Quelle: MDR)
Ein Ostminister räumt (wie großzügig) ein, dass ein bisschen Widerstand durchaus in Ordnung sei. Dem Bürger wird eine Prise Bürgerbeteiligung in Form eines Bürgerrates zugestanden. So kann Bürger mit den Politikern diskutieren, man kann sich ein wenig Protest anhören. Was passiert aber danach? Und das ist der Skandal: Weder Voigt noch Kretschmer noch die Ostbeauftragte Kaiser werden Merz, Pistorius und den Rüstungsindustrie-Bossen entgegentreten und etwa Folgendes sagen: Wir müssen abrüsten. Wir müssen der Diplomatie Vorrang geben. Wir müssen deeskalieren. Wir sind die gewählten Vertreter der Ostbevölkerung, die den ganzen Mist nicht mitmachen will, Arbeitsplätze und Aufträge hin oder her. Das haben wir im Bürgerrat gehört und verstanden.
Was wäre daran aber schlecht, würde wie im Jahr 1989 eine neuerliche Wende wieder im und vom Osten ausgehen und die Brüder und Schwestern im Westen (die angeblich nach Umfragen mehr für Rüstung und Konfrontation gegen Russland sein sollen) miterfassen? Voigt, Kretschmer und all die sich um das Volk kümmernden Politiker würden in die Geschichte eingehen.
Fade, beschämende Berichterstattung beim MDR
Angesichts der Schäden, die die gegenwärtige Politik anrichtet, angesichts der Stimmung, die permanent gemacht wird, ist das Lesen dieser schwülstig, „sachlich“ formulierten Texte kaum auszuhalten. Man schreibt von „Wahrnehmung“, von „Bedrohungsgefühl“, von „gesellschaftlicher Akzeptanz“ und was Wissenschaftler sonst so vom Stapel lassen. Ich finde, der Soziologe Tobias Jaeck hätte sich nicht „auseinandersetzen“ müssen. Etwas Bauchgefühl hätte gereicht. Dass die Akzeptanz für diese schlimme Aufrüstungsorgie nun bei 75 Prozent liegen soll, lässt mich fragen, wer hier wen befragt hat …:
Der Hallenser Soziologe Tobias Jaeck hat sich damit auseinandergesetzt, warum Rüstungsindustrie im Osten anders wahrgenommen wird als im Westen, obwohl die gesellschaftliche Akzeptanz zu höheren Rüstungsausgaben im Westen wie im Osten gleich zugenommen hat und nun bei 75 Prozent liegt. „Interessant finden wir, dass das Bedrohungsgefühl im Osten gegenüber Russland deutlich weniger verbreitet ist als im Westen. Es gibt Differenzen von bis zu 20 Prozent. Und da ist man auch der Ansicht, was die Sicherheitspolitik angeht, dass man genauso mit Russland zusammenarbeiten muss, wie man mit den USA zusammenarbeiten muss. Wenn Sie sich jetzt so eine Art sicherheitspolitische Grundorientierung anschauen, sind zum Beispiel die Menschen im Osten viel weniger der Ansicht, dass man Konflikte überhaupt militärisch lösen kann“, erklärt er gegenüber dem MDR-Magazin „Umschau“.
Tobias Jaeck forscht am Zentrum für Soziologie an der Martin-Luther-Universität Halle. Er untersucht seit vielen Jahren den Wandel der politischen Einstellungen und gesellschaftlichen Stimmungen im Osten. „Die Bedrohung wird zum Beispiel durch die Aufrüstung gesehen, vielleicht auch aus der Erinnerung an die 1980er-Jahre – eine Zeit, als der Kalte Krieg so seinen Höhepunkt erreicht hatte“, sagt er.
(Quelle: MDR)
Zuletzt noch dies: Leipzig liegt nicht weit von Weimar
So sind also Ostdeutsche viel weniger der Ansicht (als Westdeutsche?), dass man Konflikte überhaupt militärisch lösen kann, ist zu lesen. Gedanke: Wenn Konflikte friedlich und diplomatisch gelöst würden, wenn Konflikte vielleicht gar nicht erst entstehen und sich aufschaukeln, weil Drohszenarien nicht aufgebaut werden, steht viel mehr für das friedliche, nicht aufgerüstete zivilisatorische Leben zur Verfügung: mehr Mittel, Zeit, Energie. Es würde sicher mehr Freude machen, als Politiker auf einem Schloss nahe Weimar zum Wohl des Volkes zu verhandeln, oder?
Die Realität ist aber eine andere, bittere: Die Mainstream-Medien melden unbeirrt und alternativlos, dass Merz und Co. aufrüsten und der Osten etwas vom Kuchen abbekommen will. Die nächste Nachricht (als Beispiel) zeigt dann aber, was daraus wird, wenn Prioritäten so wie in diesen irren Zeiten gesetzt werden:
Angespannte Finanzlage
Was die Haushaltssperre für Leipzig bedeutet
Leipzig steht seit Dienstag unter Haushaltssperre: Investitionen gestoppt, Projekte eingefroren. Was das für Kultur, Umwelt und Stadtentwicklung bedeutet – ein Überblick über die Folgen und Perspektiven.
(Quelle: MDR)
Was das für Leipzig, für andere Städte im Osten des besten Deutschlands aller Zeiten bedeutet, weiß vielleicht die Ostbeauftragte Kaiser nicht. Das wäre an sich mehr als ein Grund, herumzureisen. Allein, ich finde, sie kann sich das sparen, so wie sich ihr Politikerkollege in Berlin, zum Beispiel der Bundespräsident, das Reisen sparen kann – denn: ihre Reisen ändern nichts.
Titelbild: e-crow/shutterstock.co
Rubriken: Aufrüstung Medienkritik Wirtschaftspolitik und Konjunktur
Schlagwörter: Bürgerrat MDR Ostdeutschland Rüstungsausgaben Rüstungsindustrie Standortwettbewerb
Info: https://www.nachdenkseiten.de/?p=139789
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.